Delirium Teil 4
Erst als sich meine verklebten Augen widerspenstig öffneten, wurde mir wieder klar, welche unerwünschten Randerscheinungen übermäßiger Alkoholkonsum haben kann. Meine Wimpern klebten zusammen, wie die Zähne einer lauernden Venusfalle. Ich spürte jeden Tropfen Alkohol, der noch nicht von meinem Körper verarbeitet wurde auf meine Augenlider drücken, pochen und ziehen. Es war, als wenn mich jemand gewaltsam am Öffnen meiner Augen hindern wollte. Langsam begann auch mein Nervensystem, sich auf einen mehr oder weniger geregelten Tagesablauf einzustellen und schickte einen ersten Impuls in meinen Kopf, in dem er einschlug, wie eine Bombe. In meinem Gehirn baute sich ein ungeheurer Druck auf, der durch mein klägliches Schläfereiben nicht besser, sondern noch schlimmer zu werden schien.
Es wurde immer intensiver, bis ich mich zwang, näher mit meiner Umgebung und mit mir zu befassen. In erster Linie wunderte ich mich darüber, warum mein ganzer Körper klebrig war, sich schmutzig und sandig anfühlte. Ich hatte vor, mich auf den Bauch zu drehen, fiel aber nach einer dreiviertel Drehung ungefähr 30 Zentimeter und knallte etwas unsanft auf den weichen, aber dennoch pieksenden Waldboden auf. Das war sehr einschneidend in diesem Moment für mich, da ich erst jetzt anfing, genauere Eindrücke von meiner Umgebung wahr zu nehmen. Ein leises Rauschen erreichte mein Ohr und vermengte sich mit aufgeregtem Vogelgezwitscher und einem feinen, kaum hörbaren Plätschern. Hoch über mir wiegten sich die Baumwipfel im lauen Sommerwind. Der Wind gab mir ein frisches Gefühl auf meinem verklebten Gesicht.
Es musste noch sehr früh sein, denn ich sog Feuchtigkeit in mich ein, mit jedem Atemzug, den ich unbewusst vollführte. Die Luft schmeckte frisch und klar und stand in krassem Gegensatz zu meinem körperlichen Empfinden. Ich selbst fühlte mich dreckig, versandet, ungewaschen und überhaupt sehr unwohl. Mein Gesicht fühlte sich heiß und verkrustet an. Als ich meine Hände an mir herunter gleiten ließ, musste ich feststellen, dass ich die Nacht nur in einer dreckigen Jeans verbracht habe, in der sich unheimlich viele Sandkrümelchen tummelten und sich schon häuslich eingerichtet hatten. Mein Oberkörper war unbekleidet, was mich wunderte, denn gestern Abend hatte ich noch etwas mehr an. Jedenfalls, soweit ich mich daran erinnern konnte. Ich wusste nicht, ob ich noch mal aufgewacht bin, geschweige denn, was ich getan hatte, wenn ich denn noch mal wach gewesen sein sollte. Während ich noch krampfhaft versuchte, mich an den Abend zu erinnern, setzte ich mich ruckartig auf und rieb mir meine verklebten Augen. Als sich meine Fäuste entspannten und von meinen Augen fort bewegten sah ich mich einen Moment um, ohne den Kopf zu bewegen.
Mir wurde schwarz vor Augen. Ich sah lauter weiße Funken aufblitzen und blinken. Ich ersuchte einen solchen scheinbaren Lichtfunken anzupeilen und ihn zu verfolgen, um zu sehen, wohin sie verschwanden, aber mir wurde relativ schnell klar, dass ich das nicht können wurde, denn sobald ich einen Punkt erfasst hatte, war er schon wieder an einer anderen Stelle. Mir wurde schwindlig und ich stütze mich mit meinen schlaffen Armen auf dem harten Boden ab, um nicht sofort wieder nach hinten zu kippen. Der Sand war kühl und fühlte sich weich an, jedenfalls die oberste Schicht von ihm. Der Untergrund an sich war sehr hart, was mir meine immensen Rücken- und Nackenschmerzen nur noch mehr bestätigten. Irgendetwas war seltsam an diesem Morgen. Normalerweise kam ich immer nach Hause, auch wenn ich noch so viel getrunken hatte. Irgendwie schaffte ich es immer, von einer Feier zu verschwinden, ohne dass jemand es merkte, oft nicht einmal ich selber, und einen klassischen Filmriss zu erleben, der schlagartig vor der Haustür meines Elternhauses endete, in dem Moment, als ich den Schlüssel in das Schloss schob.
Ich kehrte wieder in den Moment zurück und schloss behutsam meine Augen und sog die klare Waldluft in mich ein. Ich atmete so tief und heftig, dass mir schon wieder schwindlig wurde. Ich sog die Luft in mich hinein, wie ein Ausgedörrter Flüssigkeit zu sich nimmt. Irgendwie fühlte es sich paradox an, die klare Luft und die allgegenwärtige Klebrigkeit. Ich zwang mein Bewusstsein dazu, sich auf meinen Brustkorb zu konzentrieren, der sich stark wölbte und ruckartig wieder entspannte und absenkte. Mit einem prustenden Laut, der mehr wie ein Grunzen klang, zwang ich mich schließlich dazu, aufzustehen. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal derart widerwillig aufgestanden bin und mir der physische Akt des Erhebens mir so schwer gefallen ist. Ich reckte mich in die Höhe, streckte meine Arme gen Himmel und schrie. Im selben Moment erschrak ich darüber. Ich hatte noch nie nach dem Aufstehen geschrien. Ich bin sonst eigentlich ruhig und bedächtig, aber in diesem Moment trieb ein Schrei aus mir heraus, den ich nicht gewollt, aber auch nicht zurück halten konnte. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages wirkten auf mich ein und entlockten mir ein Lächeln von meinen blutleeren Lippen. Irgendwie fühlte ich bewusster, trotz der Benebeltheit, die mich umgab. Ich war aufmerksamer meiner Umgebung gegenüber und nahm Dinge wahr, die sonst an mir vorüber zogen und mich nicht im Geringsten berührten. Es bestand nicht der geringste Zweifel: ich war noch immer im Wald. Obwohl ich das die ganze Zeit gespürt habe, erreichten mich erst jetzt diese Gedanken. Ich wunderte mich, warum ich nicht nach Hause gegangen bin.
Irgendwie fühlte ich mich wohl im Wald wohler. Ich stieg die kleine Anhöhe hinauf, um den kleinen Strand besser überblicken zu können. Um mich herum lagen leere Vodka und Bierflaschen und soviel Müll, wie man es in einem Waldstück normalerweise nicht erwarten würde. Ich sah an mir herunter und beäugte kritisch meine Jeans und es dämmerte mir so langsam, dass ich mich provisorisch waschen musste. Der Sand in meiner Hose fing jetzt an, höllisch zu jucken. Ich kratzte mich hingebungsvoll am linken Bein, aber dadurch wurde es nicht besser, denn ich konnte nicht mehr aufhören zu kratzen. Dadurch fing der Sand an, meine Haut abzuschürfen und sich in mein Fleisch einzugraben und brannte. Ich hielt einen Moment inne und auf einmal rief mich der See. Er wirkte so einladend auf mich. Ah ja, die erste Herausforderung des Tages. Ich hüpfte von dem kleinen Erdhuckel herunter und schlenderte gemütlich auf den See zu, so wie sich Katzen an ihre Beute anschlichen. Ich versuchte, auf den See möglichst desinteressiert zu wirken. Ich hatte Angst, dass er mich bemerken könnte und erbost darüber sein könnte, dass ich seine Ruhe störte. Die reflektierenden Sonnenstrahlen, die in einen sanften Grünton getaucht waren blendeten meine Augen und ich musste mich einen Moment abwenden. Es war, als wollte er mich abhalten, sein Wasser zu benutzen und mich zu erfrischen. Aber ich ließ mich nicht beirren und vergewisserte mich erst einmal, dass niemand in der Nähe war, um mich zu beobachten, wie ich eine zeitlich beschränkte Symbiose mit dem See einzugehen. Ich zog mich nackt aus und hängte meine Jeans und meine Boxershorts über einen Ast direkt am See. Als ich mich umdrehte und den funkelnden See betrachtete, bemerkte ich, dass er nicht mehr so abweisend mir gegenüber war. Ich sah an meinem nackten Leib herunter und sah wieder zum See. Ich holte tief Luft, atmete aus und rannte los.
Jedes Mal, wenn einer meiner Füße auf den Boden schlug, fiel ein Hammer auf einen Amboss in meinem Kopf. Es schmerzte nicht nur im Kopf, sondern im ganzen Körper. Als meine Beine bis zu den Knien im eiskalten Wasser waren inhalierte ich so tief wie ich nur konnte, hechtete nach vorne und tauchte mit einem gurgelnden Geräusch in den See hinein. Ich riss die Augen auf und betrachtete das schleimige hellgrün, das an mir vorüber zog. Ich tauchte wieder auf und drehte mich auf den Rücken. Ich trieb auf dem See und genoss die Kälte und die Ruhe, die aus ihm heraus stieg. Ich drehte mich wieder auf die Brust und vollführte ein paar Schwimmzüge. Die Luft so nah an der Oberfläche des Sees war noch viel klarer und frischer. Die Feuchtigkeit belebte meine Lungenflügel. Ich saugte sie voll und tauchte hinab. Ich tauchte schneller, tiefer und fast senkrecht auf den Boden des Sees zu, der tiefer war, als er wirkte. Nach etwa zweieinhalb Metern wurde das Grün dunkler, es glich jetzt einem olivgrün. So wie die Helligkeit des Grüns abnahm, so erhöhte sich der Druck, der auf meinen Kopf einwirkte. Aber dadurch bekam ich das Verlangen, noch tiefer zu tauchen. Ich fragte mich, ob ich bis an den Grund des Sees tauchen könnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Bei ungefähr acht Metern wurde meine Luft ein bisschen knapp und ich hatte die leise Vermutung, dass ich wieder auftauchen sollte.
Ich bin ein unsportlicher Typ, zwar von athletischer Statur, aber ohne Ausdauer und Sportsgeist. Mir fehlte der Bezug zu sportlichen Höchstleistungen, genau so wie mir der Bezug zu Leistungen allgemein fehlte. Streng genommen vegetierte ich nur vor mich hin, konnte Genuss und Freude nicht mit Bedeutung und Sinn füllen. Für mich waren das nur Worthülsen. Beschreibungen für ein Gefühl, dass ich nicht erleben konnte. Gefühle, vor denen ich Angst hatte, sie nicht erleben wollte. Mir war es am liebsten, wenn die auf- und absteigende Kurve der Empfindungen des Lebens keine war. Eine Gerade, ohne Höhen und Tiefen. So, meinte ich, fühlte ich mich am wohlsten. Ich konnte mich nicht damit anfreunden, was es bedeutete, wirklich zufrieden zu sein. Tief in mir rührte und rumorte es, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte. Ich war unglücklich mit meinem Leben und mit mir. Ich wollte oft, anderen Menschen die Schuld an meinem Leid geben, obwohl ich insgeheim ja wusste, dass es nicht an ihnen lag. Auf der einen Seite stellte ich mich immer wieder über alle anderen, aber auf der anderen Seite war ich ganz weit unten, auf der Skala der Beliebtheit. Nicht unbedingt bei den anderen, denn es gab Leute, die mich mochten und mich schätzten. Das Problem war nur, dass ich mich nicht als beliebt oder gemocht sehen wollte.
Ich wurde aus meinen Überlegungen gerissen, als meine Hände schleimigen Sandboden berührten und sich die Fingerspitzen in den Schlamm gruben. Ich war am Grund angelangt. Ich schätzte, dass ich so zwölf Meter tief getaucht sein muss, denn ich befand mich in der Mitte des kleinen Sees und so tief konnte er nicht sein. Ich fingerte kurz in dem Boden herum, bevor mich ein Gefühl der Zufriedenheit und des nie gekannte Stolzes überkam, ich mich unter Wasser umdrehte. Ich stützte mich mit den Füßen auf dem Grund ab und stieß mich kraftvoll nach oben. Ich glitt geschmeidig nach oben und beobachtete, wie sich die Grüntöne aufhellten und spürte es in meinem Kopf knacken. Kurz nach dem Stich im Kopf tauchte ich auf und stieß die Luft gewaltsam aus meinen Lungen, um sie kurz danach wieder aufzufüllen. Ich fühlte mich jetzt bedeutend besser. Erfrischt, klar im Kopf. Von mir ist eine Last gefallen. Nicht nur der Alkohol hatte seine Nachwirkungen verfehlt, sondern ich fühlte eine Schärfe in meinem Kopf. Es brannte regelrecht in meinem Denken. Meine Gedankengänge waren schneller und zahlreicher. Gedanken pro Sekunde. Aber das war falsch, ich hatte mehrere parallele Gedankenstränge, ohne einen zu vergessen oder zu vernachlässigen, alle waren gleichberechtigt, aber es waren so viele.
Ich schwamm gemächlich zum Ufer zurück. Als ich aus dem Wasser stieg, legte sich ein feiner Film über meinen gesamten Körper. Rückstände aus jahrelangem Warten. Ich hockte mich an den See um meine nicht mehr ganz so schlimm verklebten Augen ein bisschen auszuwaschen. Als sich das Wasser etwas beruhigt hatte, betrachtete ich mein verschwommenes Spiegelbild auf der Wasseroberfläche. Etwas Seltsames ging in mir vor. Ich konnte mich nicht von meinem eigenen Blick losreißen. Ich starrte einige benommene Minuten auf das Wasser, bevor es sich im sanften Wind zu kräuseln begann. Ich blinzelte und hatte das Gefühl, dass meine Augäpfel ein Stück weit angetrocknet waren. Ich rieb mir die Augen und der Bann war endgültig gebrochen.
Ich erhob mich mühevoll aus meiner etwas unbequemen Position, so wie man sich nach einer durchzechten Nacht aus dem Bett quält. Ich fühlte mich seltsamerweise sehr ausgeruht und erfrischt, viel mehr, als ich es für gewöhnlich war, wenn ich morgens aus meinem weichen Bett aufstand. Ich stand noch einen Moment in der Sonne und ließ sie auf mich wirken, drehte mich um und watete durch den feinen Sand zu meinen Sachen zurück. Ich schlüpfte elegant in meine Boxer und schüttelte den Sand von mir, der mich zwischen meinen Zehen kitzelte. Ich blickte mich um und erspähte meine Schuhe vor dem Baumstumpf, auf dem ich gestern noch saß. Ich schüttelte meinen Kopf und musste plötzlich unkontrolliert lachen. Ich wusste nicht, warum ich lachen musste, es war ein Impuls, dem ich unbedingt nachkommen musste. Es wirkte auf mich wie eine typische Übersprungshandlung. Aber was ich wollte ich damit überspielen und vor wem? Vor mir selbst, wie mir schien. Aber ich wusste nicht, warum es mir unangenehm war, meine Schuhe zu sehen. Vielleicht war es mir einfach nur peinlich, eine Nacht im Wald verbracht zu haben. Auf jeden Fall hatte ich eine Vorahnung. Ich konnte den Finger nicht drauf legen und ich wusste nicht, auf was ich meinen Finger legen sollte, bzw. was die Vorahnung vage Umriss. Ich wusste nur mit absoluter Gewissheit, dass es etwas sehr großes war, was mein ganzes Leben umkrempeln würde.
Die Nacht im Wald war vielleicht nur der Anfang. Vielleicht sollte ich, der Großstädter schlechthin, der sich immer nur dann wohlzufühlen wähnte, wenn viele Menschen um ihn herum waren, ob nun bekannte Gesichter, oder nur Köpfe, die an einem vorüber zogen, wenn man durch die Straßen irrte, ob nun mit bestimmten Ziel, oder gänzlich ohne. Die Menschen an sich bedeuteten sich nichts. Jedenfalls nicht, wenn man es in einem ganzheitlichem Zusammenhang betrachtete. Wenn Menschen Bindungen eingehen, oder wenn sie bereits in irgendeiner Form gebunden sind, dann fängt man an, sich um andere zu sorgen und sich dafür zu interessieren, was sie so tun und was sie belastet und beschäftigt. Aber wenn man sich nicht kennt, dann ist es einem ziemlich egal, was mit anderen Menschen passiert. Die Menschen sind egoistisch. Auch wenn es manchen durchaus bewusst ist, oder wenn man auf dem Weg dahin ist, sich darüber im Klaren zu werden, wie sehr man nur an sich selber denkt, es liegt nicht in ihrer Macht, das zu ändern. Ich unterbrach meine Überlegung fürs Erste und schlenderte genüsslicher über den Boden, als ich es je zuvor getan hatte.