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Delirium Teil 4

Erst als sich meine verklebten Augen widerspenstig öffneten, wurde mir wieder klar, welche unerwünschten Randerscheinungen übermäßiger Alkoholkonsum haben kann. Meine Wimpern klebten zusammen, wie die Zähne einer lauernden Venusfalle. Ich spürte jeden Tropfen Alkohol, der noch nicht von meinem Körper verarbeitet wurde auf meine Augenlider drücken, pochen und ziehen. Es war, als wenn mich jemand gewaltsam am Öffnen meiner Augen hindern wollte. Langsam begann auch mein Nervensystem, sich auf einen mehr oder weniger geregelten Tagesablauf einzustellen und schickte einen ersten Impuls in meinen Kopf, in dem er einschlug, wie eine Bombe. In meinem Gehirn baute sich ein ungeheurer Druck auf, der durch mein klägliches Schläfereiben nicht besser, sondern noch schlimmer zu werden schien.

Es wurde immer intensiver, bis ich mich zwang, näher mit meiner Umgebung und mit mir zu befassen. In erster Linie wunderte ich mich darüber, warum mein ganzer Körper klebrig war, sich schmutzig und sandig anfühlte. Ich hatte vor, mich auf den Bauch zu drehen, fiel aber nach einer dreiviertel Drehung ungefähr 30 Zentimeter und knallte etwas unsanft auf den weichen, aber dennoch pieksenden Waldboden auf. Das war sehr einschneidend in diesem Moment für mich, da ich erst jetzt anfing, genauere Eindrücke von meiner Umgebung wahr zu nehmen. Ein leises Rauschen erreichte mein Ohr und vermengte sich mit aufgeregtem Vogelgezwitscher und einem feinen, kaum hörbaren Plätschern. Hoch über mir wiegten sich die Baumwipfel im lauen Sommerwind. Der Wind gab mir ein frisches Gefühl auf meinem verklebten Gesicht.

Es musste noch sehr früh sein, denn ich sog Feuchtigkeit in mich ein, mit jedem Atemzug, den ich unbewusst vollführte. Die Luft schmeckte frisch und klar und stand in krassem Gegensatz zu meinem körperlichen Empfinden. Ich selbst fühlte mich dreckig, versandet, ungewaschen und überhaupt sehr unwohl. Mein Gesicht fühlte sich heiß und verkrustet an. Als ich meine Hände an mir herunter gleiten ließ, musste ich feststellen, dass ich die Nacht nur in einer dreckigen Jeans verbracht habe, in der sich unheimlich viele Sandkrümelchen tummelten und sich schon häuslich eingerichtet hatten. Mein Oberkörper war unbekleidet, was mich wunderte, denn gestern Abend hatte ich noch etwas mehr an. Jedenfalls, soweit ich mich daran erinnern konnte. Ich wusste nicht, ob ich noch mal aufgewacht bin, geschweige denn, was ich getan hatte, wenn ich denn noch mal wach gewesen sein sollte. Während ich noch krampfhaft versuchte, mich an den Abend zu erinnern, setzte ich mich ruckartig auf und rieb mir meine verklebten Augen. Als sich meine Fäuste entspannten und von meinen Augen fort bewegten sah ich mich einen Moment um, ohne den Kopf zu bewegen.

Mir wurde schwarz vor Augen. Ich sah lauter weiße Funken aufblitzen und blinken. Ich ersuchte einen solchen scheinbaren Lichtfunken anzupeilen und ihn zu verfolgen, um zu sehen, wohin sie verschwanden, aber mir wurde relativ schnell klar, dass ich das nicht können wurde, denn sobald ich einen Punkt erfasst hatte, war er schon wieder an einer anderen Stelle. Mir wurde schwindlig und ich stütze mich mit meinen schlaffen Armen auf dem harten Boden ab, um nicht sofort wieder nach hinten zu kippen. Der Sand war kühl und fühlte sich weich an, jedenfalls die oberste Schicht von ihm. Der Untergrund an sich war sehr hart, was mir meine immensen Rücken- und Nackenschmerzen nur noch mehr bestätigten. Irgendetwas war seltsam an diesem Morgen. Normalerweise kam ich immer nach Hause, auch wenn ich noch so viel getrunken hatte. Irgendwie schaffte ich es immer, von einer Feier zu verschwinden, ohne dass jemand es merkte, oft nicht einmal ich selber, und einen klassischen Filmriss zu erleben, der schlagartig vor der Haustür meines Elternhauses endete, in dem Moment, als ich den Schlüssel in das Schloss schob.

Ich kehrte wieder in den Moment zurück und schloss behutsam meine Augen und sog die klare Waldluft in mich ein. Ich atmete so tief und heftig, dass mir schon wieder schwindlig wurde. Ich sog die Luft in mich hinein, wie ein Ausgedörrter Flüssigkeit zu sich nimmt. Irgendwie fühlte es sich paradox an, die klare Luft und die allgegenwärtige Klebrigkeit. Ich zwang mein Bewusstsein dazu, sich auf meinen Brustkorb zu konzentrieren, der sich stark wölbte und ruckartig wieder entspannte und absenkte. Mit einem prustenden Laut, der mehr wie ein Grunzen klang, zwang ich mich schließlich dazu, aufzustehen. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal derart widerwillig aufgestanden bin und mir der physische Akt des Erhebens mir so schwer gefallen ist. Ich reckte mich in die Höhe, streckte meine Arme gen Himmel und schrie. Im selben Moment erschrak ich darüber. Ich hatte noch nie nach dem Aufstehen geschrien. Ich bin sonst eigentlich ruhig und bedächtig, aber in diesem Moment trieb ein Schrei aus mir heraus, den ich nicht gewollt, aber auch nicht zurück halten konnte. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages wirkten auf mich ein und entlockten mir ein Lächeln von meinen blutleeren Lippen. Irgendwie fühlte ich bewusster, trotz der Benebeltheit, die mich umgab. Ich war aufmerksamer meiner Umgebung gegenüber und nahm Dinge wahr, die sonst an mir vorüber zogen und mich nicht im Geringsten berührten. Es bestand nicht der geringste Zweifel: ich war noch immer im Wald. Obwohl ich das die ganze Zeit gespürt habe, erreichten mich erst jetzt diese Gedanken. Ich wunderte mich, warum ich nicht nach Hause gegangen bin.

Irgendwie fühlte ich mich wohl im Wald wohler. Ich stieg die kleine Anhöhe hinauf, um den kleinen Strand besser überblicken zu können. Um mich herum lagen leere Vodka und Bierflaschen und soviel Müll, wie man es in einem Waldstück normalerweise nicht erwarten würde. Ich sah an mir herunter und beäugte kritisch meine Jeans und es dämmerte mir so langsam, dass ich mich provisorisch waschen musste. Der Sand in meiner Hose fing jetzt an, höllisch zu jucken. Ich kratzte mich hingebungsvoll am linken Bein, aber dadurch wurde es nicht besser, denn ich konnte nicht mehr aufhören zu kratzen. Dadurch fing der Sand an, meine Haut abzuschürfen und sich in mein Fleisch einzugraben und brannte. Ich hielt einen Moment inne und auf einmal rief mich der See. Er wirkte so einladend auf mich. Ah ja, die erste Herausforderung des Tages. Ich hüpfte von dem kleinen Erdhuckel herunter und schlenderte gemütlich auf den See zu, so wie sich Katzen an ihre Beute anschlichen. Ich versuchte, auf den See möglichst desinteressiert zu wirken. Ich hatte Angst, dass er mich bemerken könnte und erbost darüber sein könnte, dass ich seine Ruhe störte. Die reflektierenden Sonnenstrahlen, die in einen sanften Grünton getaucht waren blendeten meine Augen und ich musste mich einen Moment abwenden. Es war, als wollte er mich abhalten, sein Wasser zu benutzen und mich zu erfrischen. Aber ich ließ mich nicht beirren und vergewisserte mich erst einmal, dass niemand in der Nähe war, um mich zu beobachten, wie ich eine zeitlich beschränkte Symbiose mit dem See einzugehen. Ich zog mich nackt aus und hängte meine Jeans und meine Boxershorts über einen Ast direkt am See. Als ich mich umdrehte und den funkelnden See betrachtete, bemerkte ich, dass er nicht mehr so abweisend mir gegenüber war. Ich sah an meinem nackten Leib herunter und sah wieder zum See. Ich holte tief Luft, atmete aus und rannte los.

Jedes Mal, wenn einer meiner Füße auf den Boden schlug, fiel ein Hammer auf einen Amboss in meinem Kopf. Es schmerzte nicht nur im Kopf, sondern im ganzen Körper. Als meine Beine bis zu den Knien im eiskalten Wasser waren inhalierte ich so tief wie ich nur konnte, hechtete nach vorne und tauchte mit einem gurgelnden Geräusch in den See hinein. Ich riss die Augen auf und betrachtete das schleimige hellgrün, das an mir vorüber zog. Ich tauchte wieder auf und drehte mich auf den Rücken. Ich trieb auf dem See und genoss die Kälte und die Ruhe, die aus ihm heraus stieg. Ich drehte mich wieder auf die Brust und vollführte ein paar Schwimmzüge. Die Luft so nah an der Oberfläche des Sees war noch viel klarer und frischer. Die Feuchtigkeit belebte meine Lungenflügel. Ich saugte sie voll und tauchte hinab. Ich tauchte schneller, tiefer und fast senkrecht auf den Boden des Sees zu, der tiefer war, als er wirkte. Nach etwa zweieinhalb Metern wurde das Grün dunkler, es glich jetzt einem olivgrün. So wie die Helligkeit des Grüns abnahm, so erhöhte sich der Druck, der auf meinen Kopf einwirkte. Aber dadurch bekam ich das Verlangen, noch tiefer zu tauchen. Ich fragte mich, ob ich bis an den Grund des Sees tauchen könnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Bei ungefähr acht Metern wurde meine Luft ein bisschen knapp und ich hatte die leise Vermutung, dass ich wieder auftauchen sollte.

Ich bin ein unsportlicher Typ, zwar von athletischer Statur, aber ohne Ausdauer und Sportsgeist. Mir fehlte der Bezug zu sportlichen Höchstleistungen, genau so wie mir der Bezug zu Leistungen allgemein fehlte. Streng genommen vegetierte ich nur vor mich hin, konnte Genuss und Freude nicht mit Bedeutung und Sinn füllen. Für mich waren das nur Worthülsen. Beschreibungen für ein Gefühl, dass ich nicht erleben konnte. Gefühle, vor denen ich Angst hatte, sie nicht erleben wollte. Mir war es am liebsten, wenn die auf- und absteigende Kurve der Empfindungen des Lebens keine war. Eine Gerade, ohne Höhen und Tiefen. So, meinte ich, fühlte ich mich am wohlsten. Ich konnte mich nicht damit anfreunden, was es bedeutete, wirklich zufrieden zu sein. Tief in mir rührte und rumorte es, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte. Ich war unglücklich mit meinem Leben und mit mir. Ich wollte oft, anderen Menschen die Schuld an meinem Leid geben, obwohl ich insgeheim ja wusste, dass es nicht an ihnen lag. Auf der einen Seite stellte ich mich immer wieder über alle anderen, aber auf der anderen Seite war ich ganz weit unten, auf der Skala der Beliebtheit. Nicht unbedingt bei den anderen, denn es gab Leute, die mich mochten und mich schätzten. Das Problem war nur, dass ich mich nicht als beliebt oder gemocht sehen wollte.

Ich wurde aus meinen Überlegungen gerissen, als meine Hände schleimigen Sandboden berührten und sich die Fingerspitzen in den Schlamm gruben. Ich war am Grund angelangt. Ich schätzte, dass ich so zwölf Meter tief getaucht sein muss, denn ich befand mich in der Mitte des kleinen Sees und so tief konnte er nicht sein. Ich fingerte kurz in dem Boden herum, bevor mich ein Gefühl der Zufriedenheit und des nie gekannte Stolzes überkam, ich mich unter Wasser umdrehte. Ich stützte mich mit den Füßen auf dem Grund ab und stieß mich kraftvoll nach oben. Ich glitt geschmeidig nach oben und beobachtete, wie sich die Grüntöne aufhellten und spürte es in meinem Kopf knacken. Kurz nach dem Stich im Kopf tauchte ich auf und stieß die Luft gewaltsam aus meinen Lungen, um sie kurz danach wieder aufzufüllen. Ich fühlte mich jetzt bedeutend besser. Erfrischt, klar im Kopf. Von mir ist eine Last gefallen. Nicht nur der Alkohol hatte seine Nachwirkungen verfehlt, sondern ich fühlte eine Schärfe in meinem Kopf. Es brannte regelrecht in meinem Denken. Meine Gedankengänge waren schneller und zahlreicher. Gedanken pro Sekunde. Aber das war falsch, ich hatte mehrere parallele Gedankenstränge, ohne einen zu vergessen oder zu vernachlässigen, alle waren gleichberechtigt, aber es waren so viele.

Ich schwamm gemächlich zum Ufer zurück. Als ich aus dem Wasser stieg, legte sich ein feiner Film über meinen gesamten Körper. Rückstände aus jahrelangem Warten. Ich hockte mich an den See um meine nicht mehr ganz so schlimm verklebten Augen ein bisschen auszuwaschen. Als sich das Wasser etwas beruhigt hatte, betrachtete ich mein verschwommenes Spiegelbild auf der Wasseroberfläche. Etwas Seltsames ging in mir vor. Ich konnte mich nicht von meinem eigenen Blick losreißen. Ich starrte einige benommene Minuten auf das Wasser, bevor es sich im sanften Wind zu kräuseln begann. Ich blinzelte und hatte das Gefühl, dass meine Augäpfel ein Stück weit angetrocknet waren. Ich rieb mir die Augen und der Bann war endgültig gebrochen.

Ich erhob mich mühevoll aus meiner etwas unbequemen Position, so wie man sich nach einer durchzechten Nacht aus dem Bett quält. Ich fühlte mich seltsamerweise sehr ausgeruht und erfrischt, viel mehr, als ich es für gewöhnlich war, wenn ich morgens aus meinem weichen Bett aufstand. Ich stand noch einen Moment in der Sonne und ließ sie auf mich wirken, drehte mich um und watete durch den feinen Sand zu meinen Sachen zurück. Ich schlüpfte elegant in meine Boxer und schüttelte den Sand von mir, der mich zwischen meinen Zehen kitzelte. Ich blickte mich um und erspähte meine Schuhe vor dem Baumstumpf, auf dem ich gestern noch saß. Ich schüttelte meinen Kopf und musste plötzlich unkontrolliert lachen. Ich wusste nicht, warum ich lachen musste, es war ein Impuls, dem ich unbedingt nachkommen musste. Es wirkte auf mich wie eine typische Übersprungshandlung. Aber was ich wollte ich damit überspielen und vor wem? Vor mir selbst, wie mir schien. Aber ich wusste nicht, warum es mir unangenehm war, meine Schuhe zu sehen. Vielleicht war es mir einfach nur peinlich, eine Nacht im Wald verbracht zu haben. Auf jeden Fall hatte ich eine Vorahnung. Ich konnte den Finger nicht drauf legen und ich wusste nicht, auf was ich meinen Finger legen sollte, bzw. was die Vorahnung vage Umriss. Ich wusste nur mit absoluter Gewissheit, dass es etwas sehr großes war, was mein ganzes Leben umkrempeln würde.

Die Nacht im Wald war vielleicht nur der Anfang. Vielleicht sollte ich, der Großstädter schlechthin, der sich immer nur dann wohlzufühlen wähnte, wenn viele Menschen um ihn herum waren, ob nun bekannte Gesichter, oder nur Köpfe, die an einem vorüber zogen, wenn man durch die Straßen irrte, ob nun mit bestimmten Ziel, oder gänzlich ohne. Die Menschen an sich bedeuteten sich nichts. Jedenfalls nicht, wenn man es in einem ganzheitlichem Zusammenhang betrachtete. Wenn Menschen Bindungen eingehen, oder wenn sie bereits in irgendeiner Form gebunden sind, dann fängt man an, sich um andere zu sorgen und sich dafür zu interessieren, was sie so tun und was sie belastet und beschäftigt. Aber wenn man sich nicht kennt, dann ist es einem ziemlich egal, was mit anderen Menschen passiert. Die Menschen sind egoistisch. Auch wenn es manchen durchaus bewusst ist, oder wenn man auf dem Weg dahin ist, sich darüber im Klaren zu werden, wie sehr man nur an sich selber denkt, es liegt nicht in ihrer Macht, das zu ändern. Ich unterbrach meine Überlegung fürs Erste und schlenderte genüsslicher über den Boden, als ich es je zuvor getan hatte.

Delirium Teil 3

Meine Flasche Vodka war mittlerweile auch leer. Mit den vier Litern Bier, die ich schon intus hatte, gab das eine hervorragende Mischung ab. Obwohl ich einen klaren Kopf hatte wusste ich, dass ich es nicht bis zum See schaffen würde um mir etwas zu trinken zu holen. Der Alkoholgehalt in meinem Blut war viel zu hoch, als dass ich ohne Stürze die knappen 200 Meter gehen könnte. Aufstehen würde noch gehen, aber wie weit ich torkeln und taumeln könnte, das wollte ich nicht ausprobieren. Vor allem auch deshalb nicht, weil ich meine Beine nicht mehr spürte. Nach dem ersten unsicheren Schritt würde ich fallen.

In mir stieg etwas auf, von meiner Magengrube ausgehend. Mein Speichel vermehrte sich und in meinem Mund zog sich alles zusammen. Mein Rachen rumorte als ich mich nach vorne beugte und instinktiv meine Beine spreizte. Ich wartete. Ich saß einfach nur da, in einer unnatürlichen Körperhaltung und wartete darauf, dass sich mein Magen wie von selbst entleerte. Mir war allerdings nicht schlecht und meine Atmung war auch ruhig. Das Gefühl stieg weiter in mir auf und manifestierte sich als Kribbeln in meinem Kopf. Die Furchen in meinem Gehirn schienen zu schrumpfen. Mein Kopf puckerte und schien zu pulsieren. Nerven zuckten in meinem Körper. Sie zogen sich schnell zusammen und entspannten sich dann wieder. Ich fing an mich zu fürchten, denn ich hasste es, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Ich hielt mich nicht für einen kontrollsüchtigen Menschen, aber ich konnte es nicht ausstehen, wenn Betrunkene sich nicht mehr beherrschen konnten und anfingen, kindisch, aufdringlich und unflätig zu sein. Sie verloren ihre eigenen Grenzen und setzten sich über die Grenzen von anderen hinweg. Die Alkoholfahnen wirkten auf jeden Nüchternen abschreckend und ekelerregend, aber Betrunkene kümmerten sich nicht darum, weil sie derart abgestumpft waren, dass sich ihre Wahrnehmung nur auf sich selbst und die Erreichung ihrer Ziele beschränkte.

Ich beschloss schon früh, die Kontrolle über meinen Kopf zu behalten, wenn die Kontrolle über den Körper im berauschten Zustand nur eingeschränkt möglich war. Aber jetzt, wo ich einen stechenden Schmerz hinter meiner Stirn spürte, wurde ich unruhig und innerlich noch rastloser, als ich es sowieso schon permanent war. Ich hatte sonst nie Kopfschmerzen, schon gar nicht, die vom Alkohol her rührten. Mir war zum brüllen zu Mute, aber ich wollte es nicht noch schlimmer machen, als es eh schon war. Das Stechen wurde immer stärker und mit jedem Schlag des Pulsierens tat es mehr weh. Aber es waren nicht nur körperliche Schmerzen, es war ein Gefühl, weitab von Körperlichkeit. Der allgemeine Lebensschmerz überkam mich und wurde zu einem Gefühl. Einem erlebbaren Gefühl hinter meinen Augen. Das letzte, was ich spürte, war, dass ich nach hinten kippte, bevor es dunkel um mich herum wurde.

Durch ein dichtes Wattegestrüpp in meinem Kopf erreichten Stimmen mein Bewusstsein. Ich konnte nichts hören und somit waren die Stimmen auch nur Stimmen, ohne dazugehörige Gesichter und Persönlichkeiten. Ich nahm die Stimmen nur so war, wie man etwas im Halbschlaf wahrnimmt. Man wacht auf und erinnert sich an nichts. Im Laufe der Zeit erinnert man sich dann an Dinge, die einem gesagt wurden, oder Worte, die man selbst gesprochen hat. Ich musste plötzlich lächeln, denn ich spürte, dass die körperlosen Stimmen meinen Namen riefen. Vielleicht war es der Alkohol, der meine Mundwinkel nach oben zog, vielleicht war es auch mein Narzissmus. Meine eigentliche Selbstverliebtheit, die es mochte, wenn sie meinen Namen hörte. Wenn sie hörte, dass jemand mich brauchte oder sich um mich sorgte. Mein Körper schien auf weichen Sandwogen dahin zu gleiten. Ich schwamm oben und genoss das Gefühl. Ich ließ mich einfach treiben und lauschte den Stimmen. Ein unsanfter Aufprall zwang mich dazu, meine Augen zu öffnen. Ich war also noch im Wald. Um mich herum standen tatsächlich Leute. So genannte Freunde, die scheinbar versucht hatten, mich aus meinem traumlosen, unerholsamen Schlaf zu wecken.

Erinnerungen fingerten an meinem Bewusstsein herum. Sie hatten versucht, mich wach zu rütteln. Dabei bin ich von einer kleinen Anhöhe gefallen, als ich mich umdrehen wollte um den störenden Händen zu entgehen und in Ruhe weiterschlafen zu können. Ich starrte die drei an, die über mir standen und mich mit ihren schiefen Blicken beobachteten und auf ein Wort oder eine Äußerung von mir warteten. Ich starrte nur, durchbohrte sie mit meinen Blicken. Ich fühlte mich ertappt. Sie hatten mich entblößt gesehen und ich konnte dieses Gefühl nicht ertragen. Ich war mit dieser Situation überfordert und wusste nicht, was jetzt eine angemessene Reaktion sein sollte. Also wurde ich gezwungen, einfach aufzustehen und wieder zu meinem Baumstamm zu stapfen. Ich stieg die von der Natur und vielen Füßen geschaffenen Treppe hinauf. Wurzeln der Bäume formten die einzelnen Stufen. Erosion und viele Füße, die alle das gleiche Ziel hatten, erledigten den Rest. Ich sinnierte noch kurz über die verwunderliche Tatsache, als ich mich wieder auf den Baumstamm setzte und hörte mich nach einer Flasche Vodka verlangen. Gelächter erreichte mein Gehörgang und ein gedämpftes „Es geht ihm gut“.

Ihr hässliches Gelächter vermischte sich wieder mit dem Murmeln der Bäume und den rauschenden Gesprächen der anderen, weiter unten, näher am See. Ich kehrte in meinen Gedanken wieder zurück zu dem See, der eine Faszination ausstrahlte. Ich verstand nicht, warum ich der einzige zu sein schien, dem das aufgefallen ist. Ich identifizierte mich mit dem See, ich wollte eins sein mit dem See. Ich sinnierte noch einen Moment vor mich hin, bevor ich unsanft von Thomas unterbrochen wurde. Er kehrte mit einer Flasche zurück, die er mir feierlich mit den Worten „Meinste nich, Du hass schon jenuch jetrunken“ überreichte. Ich sah in ein vertrautes Gesicht, kannte seinen Namen, wusste um ihn Bescheid, aber ich konnte ihn dennoch nicht zuordnen. Ich grabschte nach der Flasche und riss sie mir ins Gesicht. Ich trank in großzügigen Schlucken und sagte danach wohl etwas, was Thomas verscheucht haben muss. Denn er stolzierte davon und sagte nur „Fick Dich doch“. Ich setzte die Flasche wieder an meine Lippen an. Das Problem war, dass ich einfach zu ehrlich war, wenn ich Alkohol getrunken habe. Ich sog an der Flasche und spürte gerade noch, wie ich nach hinten kippte und mein Kopf dumpf in den Sand prallte.

Delirium Teil 2

Der Baumstamm auf dem ich saß wirkte auf mich. Ich fühlte die angeschimmelte, dennoch harte Rinde an meinem Hintern. Ich spürte nur einen Teil dieses Stamms physisch. Ich wusste, wie der Stamm aussah, wie viel Leben in ihm noch steckte, obwohl er schon eine ganze Zeit nicht mehr lebendig war. Ich spürte die Insekten, die in ihm nisteten und wusste was es für ein Baum gewesen ist. Für mich war dieser Stamm etwas, an das ich mich klammern konnte. Er war mir in diesem Moment weitaus lieber, als die Menschen, die sich ein paar Meter unterhalb von mir tummelten und sich an ihrem Rausch erfreuten.

Der Reiz des Rausches war für mich schon vor langer Zeit verloren gegangen. Obwohl ich noch am Anfang meiner Jugend stand, fehlte mir der Spaß am ausprobieren. Ich hatte ja auch schon so ziemlich alles ausprobiert. Der Rausch an sich war mein täglicher Begleiter geworden, viel mehr noch als ein Zeitvertreib, den man dazu missbrauchen konnte, sich einander anzunähern und sich körperlich näher zu kommen. Ich sah keinen Spaß darin, mich zu betrinken oder an anderen Mitteln zu berauschen. Für mich war es ein Mittel um mich abzuschotten, mich abzugrenzen zum Rest der Welt. Ich näherte mich immer mehr an etwas an, ich wusste nicht, was es werden würde, fest stand für mich lediglich, dass es nicht gut sein würde. Nicht gut im gesellschaftlich etablierten Sinne. Ich wusste, dass ich tief hinab stürzen würde.

Ich hatte mir den Baumstamm nicht ausgesucht, es war eine Verquickung von Zufall und meiner menschenverachtenden Haltung, die mich bewog, weit ab von allen anderen zu sitzen und an diesem gesellschaftlichen Ereignis teilzunehmen und das Spektakel zu beobachten. Auf der anderen Seite fühlte ich mich gleich zu dem Stamm hingezogen. Er hatte mich in seinen Bann gesaugt und mich nicht mehr los gelassen. Von dem Moment an, als ich ankam verspürte ich den Drang, mich auf genau diesen Stamm zu setzen. Ich begrüßte die Anwesenden flüchtig, ignorierte ihre Versuche, Smalltalk mit mir zu führen und ging sehr zielstrebig auf den Stamm hinzu. Ich fühlte mich wohl bei ihm. Er war ein guter Freund für mich. Ich teilte meine Gedanken mit ihm und er beruhigte mich, ohne etwas zu sagen oder zu tun. Er lag einfach unter mir und strahlte Ruhe und Besonnenheit aus. In mir stieg Eifersucht auf den Stamm auf, ich wurde hasserfüllt, weil er das hatte, was ich mir wünschte. Ich wollte auch innerlich ausgeglichen sein. Wollte ruhig und nicht mehr rastlos sein. Wollte aussitzen können ohne mich zu belasten. Ich wollte in diesem Moment einfach nur sitzen und zuschauen. Ich wollte beobachten und nachdenken. Meine Gedankenstränge treiben zu lassen, ohne sie zu erfolgen und ihnen nachzueifern.

Ich saß ein bisschen erhöht und abseits von allen anderen, weil ich mich genau dort im Leben wähnte. Abseits von allen Menschen um mich herum, als stiller Beobachter. Zu sehen, wie sich der Alkohol auf die anderen auswirkte. Sicherlich ähnlich, aber jeder hatte doch seine Eigenheiten. Thomas wurde aufgedreht und hibbelig. Er hielt sich für einen tollen Kerl, was scheinbar auch auf die anderen abfärbte. Es wirkte, als wäre es eine wirkungsvolle Masche, um sich beliebt zu machen. Das genaue Gegenteil, was ich von ihm kannte. In der Schule war er stets der fleißige. Ein strebsamer Schüler, so wie sich ihn auch die von allem verhasstesten Lehrer wünschten. Ich beobachtete, wie der Alkohol seine trügerische Wirkung tat und erleidete meinen eigenen Alkoholrausch. Ich genoss es nicht. Es war kein schönes Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren. Obwohl ich das nie tat, wusste ich, dass irgendwann eine Linie überschritten wurde, an der ich Grenzen unbewusst verschob. Ich wurde dann noch mehr zum Menschenfeind. Ich verletzte, teilweise sehr tief. Gefühle waren für mich ein Zeichen von Schwäche, nicht von Stärke. Regungen, die sich bei den meisten Menschen immer wieder zeigten, wollte ich nie zulassen.

Delirium Teil 1

Das verwaschene Gelächter vermischte sich mit dem Rauschen des Windes. Die Baumgipfel hoch über mir säuselten in mein Ohr und ich fühlte mich fehl am Platz. Am falschen Ort und zur falschen Zeit. Der kleine Wald am Stadtrand bot immer wieder eine vorzügliche Möglichkeit für spontane Partys und Besäufnisse im extravaganten Stil. Jeder brachte etwas zu trinken mit, vorzugsweise mit hohem Alkoholgehalt und dachte dabei gleich auch an alle anderen mit. Dementsprechend viel Bier und harter Alkohol war vorhanden. Die Menge reichte aus, um jeden Anwesenden in die Fänge einer handfesten Alkoholvergiftung zu befördern.

Die Stimmung war ausgelassen, vor allem auch deshalb, weil so viele schon in das süße alkoholinduzierte Delirium abgeglitten waren. Jeder lachte und lallte unbedeutende Worte, die mir nichts bedeuteten und an mir vorüber zogen. Ich fühlte mich als Beobachter, nur das ich nicht wusste, worauf ich achten sollte, oder was ich mir zu merken hatte. Der schmale See an dem kleinen Strandstück war zweckentfremdet. Anstatt, dass man sich an den Ufern an der Schönheit der natürlichen Form und Farbe erfreute, war er degradiert worden um die Getränke ein wenig kühl zu halten.

Ab und zu torkelte jemand an sein Ufer, um sich etwas Neues zu trinken zu holen. Manchmal hielt sich auch jemand den Kop ins Wasser um vermeintlich die Nebenwirkungen des Alkohols im See zu lassen und Kraft für ein paar Stunden zu tanken. Ich weiß nicht, was sie sich erhofften, vielleicht, dass der Kop ein wenig klarer wurde. Aber wofür? Damit man sich hingebungsvoller dem weiteren Kampftrinken widmen konnte wahrscheinlich. Ich konnte es nicht so richtig nachvollziehen, denn egal wie viel ich trank, mein Kopf blieb immer klar. Meine Stimme wurde etwas schwammiger und mein Gang unsicherer, aber ich wusste immer, was ich tat und sagte. Ich fühlte mich oft erleichtert, wenn ich nicht spüren musste, in was für einem Elend ich mich befand. Sicherlich, es ging mir gut. mochte ein Außenstehender urteilen. Aber ich fühlte mich nicht gut. Niemals. Immer hatte ich einen stechenden Gedanken im Hinterkopf; Versagensängste, obwohl ich nicht einmal wusste, bei was ich denn versagen könnte, denn ich ließ so vieles unbearbeitet und unerledigt.

Ich redete mir ständig ein, dass ich nur unter Druck arbeiten konnte. Aber das konnte nicht stimmen, denn ich machte mir ständig selber Druck. Ich zwang mich immer etwas zu tun, wenn ich Torschlusspanik bekam. Es war, als hätte ich eine generelle Angst vor dem Leben, Angst mich auf irgendetwas einzulassen und deshalb ließ ich auch kaum jemanden an mich heran. Nicht einmal meine Eltern erreichten mich mehr. Es lag nicht an den vielen Drogen, die ich konsumierte. Ich hatte schon viel früher damit angefangen, mich abzukapseln. Nicht nur von meinen Eltern, ich hielt mich von jedem fern, der auch nur im Ansatz erkennen ließ, dass er oder sie mich näher kennen lernen wollte. Ich blockte ab, weil ich Angst bekam, dass man mehr über mich erfahren könnte. Ich weiß nicht warum, aber ich genoss auf eine bizarre und selbstzerstörerische Art meine Unlust am Leben. Ich wollte mir gar nicht helfen lassen und wollte nicht aus meinem selbsthassenden Sumpf heraus kommen. Ich wusste nicht wohin mit meinen Gedanken und Gefühlen.

Ohne Titel 7

Nun stehst Du vor mir und klagst mich schweigend an.
Dein Atem stinkt nach Bier. Du sagst: “Ich gehe dann”.
Meine Augen sind schon tränenleer und brennen
Muss es glauben, aber es schmerzt so sehr Dich zu kennen.
Auf der Schwelle bleibst Du stehen und siehst mich an.
Ist diese Stelle der Punkt zu gehen? Trittst näher ran.
Wir zerstören uns mit Blicken, nicht mit Hass erfüllt.
Ich höre ein leises Klicken, seh’ nun den Beziehungsmüll.

Ohne Titel 6

Die Sonne strahlt aus Deinen Auge
gleissend-golden in mein Herz und wärmt.
Du machst mich frommer als mein Glauben.
Reissend, zerrrend, ziehend! Dank Dir schon ganz verschwärmt.
Stürmt es! Genieße es! Das Tosen und das Brausen
löste es in mir. Frei und schwebend habe ich von Dir gelernt.

Ohne Titel 5

Innerlich verhärtet, äußerlich verklärt
Zu lange gewartet, Seelenschmerz verjährt.
Und so errichten wir die Mauern
die viele Menschen überdauern
Bis des Lebens Sonnenschein erscheint
sich mit des Herzens Schmerz vereint
Etwas neues Schönes dann erschafft
Bis alle Enttäuschung endgültig dahin gerafft.

Ohne Titel 4

Langsam erhebt er sich aus seiner Domäne
mit wachen Augen musternd die Umgebung
nur ein Blick aufs Handy, begrüßt die erste Gefühlsfontäne
schrieb sie ihm während er schlief, nächtliche Eingebung.
Der morgendliche Motivationsschub drückt ihm aus dem Bett.

[unfinished]

Ohne Titel 3

Die Zeit tropft schleppend vor sich hin
nicht reif trotz des Dilemma in dem ich bin.
Zu schweigen jetzt heisst still sein für immer.
Die Gelegenheit ergreifen, nicht mit den Gedanken mehr reisen
anfangen zu begreifen dass sie sowieso nur um Dich kreisen.
Kann Dich aus meinem Herz nicht mehr verbannen
spürte ich doch reinen Schmerz, jagtest Du mich von dannen
Und so genieße ich schwärmerisch jeden Blick von Dir.
Steh nicht auf und geh zu Dir, sondern starre nur und sitze hier…

Ohne Titel 2

Sind wir nicht alle Sklaven der Routine?
Ausgebeutete in den Enklaven der Staatsmaschine?
Sind wir nicht alle Gefangene unserer eigenen Konventionen?
Müssen wir nicht bangen um die Zukunft? Schon seit Äonen?
Wer kennt die Antwort? Wer weiss das schon?
Der sie kennt, verachtet uns voller Hohn!